Mythos Traumjob

In meinem Beruf begegnen mir viele Menschen, die einen „Traumberuf“ suchen oder haben, und solche, die gerne einen „Traumjob“ möchten. Was steckt hinter diesem meist sehr innigen Wunsch? Zunächst ganz profan das Ziel viel Geld zu verdienen. Je jünger die Berufssuchenden, desto mehr steht die Assoziation Traumberuf - Traumjob - Geld im Vordergrund. Der zweite Grund ist, nichts machen zu müssen, was man nicht mag. Ein dritter Grund ist das Ansehen. Das Ansehen unter der Peer-Group, das Ansehen in der Kultur, das gesellschaftliche Ansehen. Natürlich gibt es weitere Hemmnisse auf der Suche nach einer möglichen Tätigkeit, sein Geld zu verdienen, wie „sich selbst verwirklichen“ oder „Spaß an der Arbeit zu haben“ oder „Erfüllung zu finden“. Bleiben wir mal bei den ersten drei genannten Gründen plus „die Erfüllung“:

 

1. Möglichst viel Geld zu verdienen

2. Etwas tun, das man mag

3. Die anderen finden den Beruf gut

 

4. Etwas Sinnvolles, Erfüllendes tun


Möglichst viel - oder genug - Geld verdienen

Wo verdient man am meisten? Diese Frage stellen mir Jugendliche als erstes, wenn wir uns zu Beginn einer Vorabgangsklasse unterhalten, welche Berufe für sie in Frage kämen. Je älter die Menschen werden, desto mehr rückt die Prämisse „am meisten“ in den Hintergrund zugunsten von „genug“ zur Schaffung und Erhaltung eines gewünschten Lebensstandards. Und klar, jeder möchte gern viel Geld verdienen und jeder will seiner Leistung entsprechend bezahlt werden, und nachdem es keine einheitlichen Stundenlöhne für alle Tätigen gibt, ist die Eingangsfrage durchaus legitim, finde ich. Meine Antwort für die Jugendlichen ist: In dem Beruf, in dem du die meiste Leidenschaft einbringst und in dem du dich am meisten engagierst, wirst du am meisten verdienen. Eigentlich müsste ich noch hinzufügen: In dem Beruf oder während der Tätigkeit, bei der du am belastbarsten und am leidensfähigsten bist. Und in dem Beruf, der eine Lobby hat oder in dem sich die Menschen zusammenschließen, um gemeinsam für höhere Verdienstmöglichkeiten zu kämpfen. Deutlicher gesprochen: Man wird am meisten entsprechend des Einsatzes der eigenen Leistungsfähigkeit verdienen. Das ist eine bittere Pille, die für einige nicht leicht zu schlucken ist. Die meisten Menschen werden anhand ihrer kognitiven, physischen und psychischen Leistungsfähigkeit geldmäßig gemessen. Das kann klingt ungerecht in den Augen derer, deren Leistungsfähigkeit aufgrund Herkunft, sozialem Status und/ oder mangelnder familiärer Unterstützung schlechter als die anderer ist. Aber es schafft einen Handlungsspielraum, Verantwortung für die eigene Leistung und den persönlichen Einsatz zu übernehmen. Fazit 1: Den Traumberuf/ Traumjob mit Geld zu verbinden schafft Abhängigkeit. Will ich diese Abhängigkeit, muss ich meine Leistungsfähigkeit entsprechend einsetzen bzw. entsprechende Aus- und Weiterbildungen absolvieren und Zeit investieren.

 

Etwas tun, das man mag

Die Liste ist meist lang, was man alles nicht tun will. Die einen wollen nicht die ganze Zeit stehen, die anderen nicht sitzen, manche wollen nicht im Freien arbeiten, sich nicht bücken und nicht schwer heben. Ich bin jetzt etwas gemein, denn manche haben Rückenleiden, andere Allergien, wieder andere chronische Unlust. Es gibt meines Erachtens keinen Traumjob, der ausschließlich Lieblingstätigkeiten enthält. Und je länger die Liste, was man alles nicht will, desto größer der Widerstand, desto geringer die Chance, sich für etwas zu begeistern. Und ich frage mich immer, ob diese Forderung „Etwas tun, das man mag“ nicht dekadent ist? Es gibt soviele Menschen, die arbeiten in Jobs und machen Sachen, die kein anderer machen wollte. Ich habe zum Beispiel mal eine Reportage über „Schlammsauger“ in Klärwerken gesehen, oder ich denke an alle Jobs, die in viel Lärm, Staub, Geruch, Hitze oder Kälte ausgeführt werden müssen. Gleichzeitig mache ich mich durch die Prämisse abhängig von meiner eigenen Laune und Bewertung, ob ich dies oder jenes an dem Job/ Beruf mag oder nicht. Vielleicht bin ich etwas zu pragmatisch, aber ich finde: „Wenn dich eine Sache nicht begeistern kann, begeistere du dich für sie“. Ich denke, man kann so ein paar Ausschlusskriterien oder ein „lieber als“ formulieren, z.B. „lieber putzen als in einer Kneipe bedienen“ oder „lieber kassieren als reparieren“. Danach bringt einen aus meiner Erfahrung Offenheit und Neugierde weiter als eine „mag ich - mag ich nicht“ - Bilanz. Was meines Erachtens mehr Sinn macht, ist Grundsätzliches festzuhalten: „Helfen“ oder „Verbindungen herstellen“ oder „Neues Entwickeln“ und dann offen zu sein, in welcher Form und wo das stattfinden könnte.  Fazit 2: Den Traumberuf/ Traumjob mit bestimmten Tätigkeiten zu verbinden schafft Abhängigkeit. Will ich diese Abhängigkeit, muss ich ggf. meine Gehaltserwartungen anpassen, meine Leistungsfähigkeit entsprechend ausbauen und u.U. in Kauf nehmen, mal keinen Job zu haben.

  

Die anderen finden den Beruf gut

Als Sozialarbeiterin weiß ich, der Mensch ist ein soziales Wesen und natürlich ist er als solches abhängig von der Bewertung der Außenwelt. Insbesondere was den Beruf anbelangt. Unabhängig vom Herkunftsland: Die meisten Eltern hätten gerne Abitur und ein Studium für ihr Kind, die meisten Schüler würden gerne Abitur machen und studieren, die meisten Menschen denken immer noch, dass man mit Abitur beruflich am weitesten kommt im Leben. Berufe, die mit Abitur zu erreichen sind, haben in der Regel ein besseres gesellschaftliches Ansehen als die ohne - ausgenommen der studierte Künstler, aber das war ja schon immer ein brotloser Beruf. Jetzt wieder im Ernst: Traumberufe oder Traumjobs haben meines Erachtens etwas mit kultureller Mode zu tun, dann mit dem Glücksgefühl, dass andere eher neidisch sind, wenn gesagt wird „Mein Kind ist Arzt.“ Es gab Zeiten, da waren Eltern stolz, wenn der Sohn Offizier in einem Heer war, heute ist das eher die Seltenheit. Fazit 3: Den Traumberuf/ Traumjob mit dem kulturellen/ gesellschaftlichen Ansehen zu verbinden schafft Abhängigkeit. Will ich diese Abhängigkeit, sollte ich das zumindest reflektieren und anerkennen, woher mein Wunsch kommt. Nachdem das kulturelle Ansehen meist mit dem Verdienst verbunden ist, merke ich noch an, dass im Moment der Auszubildende zum Maurer am meisten verdient, noch vor dem Bankkaufmann. 

 

Etwas Sinnvolles, Erfüllendes tun

An dieser Stelle bekomme ich persönlich wieder mein schlechtes Gewissen all denjenigen, die sich aus Überlebensgründen und anderen Lebensumständen diese Überlegung gar nicht leisten können. Und was ist überhaupt etwas „Sinnvolles, Erfüllendes“? Ich finde, das ist so ein bisschen eine Lebensaufgabe wie das Finden des heiligen Grals. Bevor man etwas Erfüllendes tun kann, steht die Suche an, nachdem was man als WIRKLICH sinnvoll und persönlich Bereicherndes empfindet bzw. wozu man geeignet ist. Was mir unwillkürlich dabei einfällt sind die zahllosen Berufenen in sozialen Berufen, die Workaholics in Unternehmen, Menschen, die vermeintlich in ihrem Beruf auf-, dabei aber  kaputtgehen. Fazit 4: Den Traumberuf/ Traumjob mit einer vermeintlichen Lebensaufgabe zu verbinden schafft Abhängigkeit, die in Aufopferung oder Workaholismus enden kann. Etwas Sinnvolles, Erfüllendes muss meines Erachtens nicht an den (Haupt-)Gelderwerb geknüpft sein, gerade hierbei sollte viel Zeit und Raum zur Reflexion zur Verfügung stehen, um mich persönlich in der Aufgabe weiterentwickeln zu können und die Arbeit genießen zu können.

 

Mythos Traumjob

Ich denke, es ist wichtig zu reflektieren, wenn man einen „Traumberuf“ oder den „Traumjob“ möchte. Da ist die Leistungsfähigkeit, anhand derer ich bezahlt werde und die ich mir erarbeiten muss. Da ist der Traum, den ich vielleicht für andere lebe, weil es ein angesehener Beruf/ Job ist. Da sind die Tätigkeiten, die ich bewerte und mir den eigenen Job madig mache, wenn sie nicht dem „Traum“ entsprechen. Und da ist die Lebensaufgabe, die zur Selbstaufgabe führen kann. Ich würde gerne weggehen vom Wort „Traum“ zum „passenden“ oder „Ziel-Beruf“. Alles ist möglich, wenn man es wagt die Komfortzone zu verlassen, Risiken in Kauf nimmt und den „Ziel-Beruf seines Lebensabschnitts“ oder den „Job seines Lebensabschnitts“ anstrebt. Glauben Sie mir, das kann süchtig machen!

 

Und dann möchte ich nochmals hervorheben, dass unweit dieser Diskussion um den Traumjob jede Menge Menschen in Deutschland und vor allem im Rest der Welt ihre Arbeit tun, um den Lebensstandard derjenigen, die sich hier Gedanken um den Traumjob machen, zu erhalten - ohne es sich leisten zu können, so eine Frage zu stellen. Nicht, dass ich nicht jeden ermutigen würde, der sich beruflich umorientieren will oder einen Beruf sucht, der zu ihm passt. Das ist mein Job. Aber ich will, dass jeder weiß, dass es ein Luxus ist, ein Geschenk, das achtsam behandelt werden will, dass das nicht im negativen Sinn ausgenutzt werden sollte und dass ausreichend gewürdigt werden sollte, auf wessen Kosten wir leben, wie wir aktuell leben.

 

Tun, was man liebt, ist Freiheit. Lieben was man tut, ist Glück.

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