Mindfucking mit sich selbst - wer denkt hier eigentlich was?

Schon länger zweifle ich ja daran, wer bei mir die Regie im Kopf hat! Spätestens seit der Lektüre "Wissen Sie, was ihr Gehirn denkt?" ist mir klar, dass die Neuronen und Synapsen in meinem Kopf ihr Eigenleben führen. Doch was passiert bei "Mindfuck"? Petra Bock hat in ihrem Buch "MINDFUCK" aus meiner Sicht sehr scharfsinnig analysiert, wie wir uns immer wieder selbst sabotieren. Eigentlich weiß man es schon lang, schon der Buddha fand heraus, dass alles nur im Kopf entsteht. Hilft dieses Wissen? Nun ja, also mir schon. Was mir daran gefällt, ist der Fakt, dass die Verantwortung und Handlungsmacht bei mir liegt. Jeden Moment auf's Neue.

 

Was sind denn nun "Mindfucks"? Es ist ein bisschen wie mit den Ohren bei dem Modell "Vier Seiten einer Nachricht" (Schulz von Thun), nur dass Petra Bock auf sieben Arten des Mindfucks kommt. Wir sabotieren uns aus ihrer Sicht durch Bewertung, Katastrophendenken, Druckmachen, Regeln-Hüten, Übermotiviation, Selbstverleugnung oder Misstrauen. "Ja", wird jetzt der ein oder andere denken, "aber es ist doch wichtig zu wissen, was richtig und was falsch ist, Regeln bringen Ordnung in unser Zusammenleben, und ein gesundes Misstrauen hat noch nie geschadet." Das ist schon richtig. Aber von wem 

wissen wir, was "richtig" und was "falsch" ist? Wer hat die Regeln aufgestellt und wozu? Sind sie immer noch gültig? Woher kommt Misstrauen und welchen Gewinn hat man dadurch? 

 

Lassen Sie es mich wie bei dem Vier-Seiten-Modell nach Schulz von Thun erklären. Nehmen wir an, jemand sagt zu Ihnen: "Die Sonne scheint heute schön." Jedem von uns würde etwas anderes dazu einfallen. Ein paar Beispiele:

 

A "Das brauchst Du mir nicht zu sagen, das sehe ich selbst. (So eine unnötige, nichts-sagende Konversation.)"

B "Oh je, jetzt hab ich vergessen mich einzucremen! Die Ozonschicht soll ja immer dünner werden, und meine Leberflecken sind in letzter Zeit dunkler geworden. ..."

C "Stimmt. Und ich sitze hier im Büro und habe die Zeit vertrödelt. Jetzt aber zügig arbeiten und gleich meinen Partner anrufen, dass er fertig ist, wenn ich nach Hause komme, um gleich in den Biergarten zu fahren."

D "Ja, wenn das so ist, dann brauche ich erstmal meinen Sonnenhut und Sonnencreme. Wie war das nochmal mit dem Lichtschutzfaktor und wie lange darf man dann mit ungebräunter Haut in der Sonne bleiben?

E "Ja, super! Dann aber gleich den Picknick-Korb gepackt und das Grillzeug ins Auto, und dann rufen wir noch xy an und machen eine Party am See"!

F "Ja, das klingt gut. Aber ich kann so ein Wetter grad nicht ausnutzen, ich muss für die Kinder noch was für morgen herrichten, und dann ist da noch die Wäsche, die will ich jetzt echt mal weghaben, und mein Partner, der kann auch nicht raus, und dann hätte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir schön mache und er muss arbeiten.

G "Echt? Bist du Dir sicher? Also ich habe gehört, es soll dann noch schwere Gewitter geben und ich denke, solange hält das mit der Sonne nicht mehr."

 

Und? Welcher Typ sind Sie so spontan?

 

Wenn man dazu noch das Eltern-Erwachsener-Kind-Modell (Transaktionsanalyse, Berne) im Kopf hat und die oben stehenden Aussagen anschaut, dann könnte man Aussage E dem "Kind-Ich" und alle anderen Aussagen dem "Eltern-Ich" zuordnen. Und wo bleibt der Erwachsene? Auf der Strecke. Was würde überhaupt ein Erwachsener sagen? Was würden Sie als echter, selbstverantwortlicher Erwachsener sagen? Es ist das Anliegen des Buchs, dass man das herausfindet. Petra Bock liefert einen kleinen Werkzeugkasten mit Diagnose-Instrument. Zuerst geht es darum herauszufinden, welchem Gedanken-Entwicklungs-Muster die eigenen Gedanken folgen, evtl. woher man das Muster hat. Dann gilt es zu reflektieren, wie man selbst wäre und wohin man sich entwickeln will, wenn man wirklich erwachsen und frei denken würde. Im dritten Schritt lädt uns die Autorin ein, die "inneren Wächter" der Gedanken-Entwicklungs-Muster für die wirklich eigenen Projekte und Ziele zu nutzen, um der zu werden, der man sein möchte, statt irgendwen oder irgendetwas in Form von selbsttätigen, behindernden, zermürbenden, schlechte-Laune-machenden Gedanken die Kontrolle über einen selbst und sein Leben übernehmen zu lassen.

 

Wohin könnte die Entwicklung gehen? Hinter den oben stehenden Sätzen verstecken sich die sieben Mindfucks, hinter denen wiederum inspirierende, lebensbejahende Eigenschaften stehen. 

 

A Bewertende Menschen haben oft Angst, dass ihnen der Genuß verdorben wird. "Die Arbeit ist kein Vergnügen". "Das Leben ist kein Ponyhof." Eigentlich will der Bewertende Vergnügen, Genuss, Freude. Möglicherweise steckt ein großes Herz dahinter und eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen, aber wichtigen Dinge im Leben. Eine große Begabung, die gelebt werden will! Im erwachsenen Modus würde die Antwort vielleicht sein: "Find ich schön, dass du das auch wahrnimmst. Ich finde, Sonne tut so gut auf der Haut und im Leben."

 

B Katastrophendenker sind oft Entdecker, deren Neugier irgendwann mal eingeschüchtert wurde. "Pass auf, dass du nicht runterfällst." "Nach Lachen kommt Weinen." "Ein Unglück kommt selten allein." Die Befreiung ist Freude am Entdecken, Neugier auf die Welt und Mut zu Abenteuern - das können auch ganz kleine sein! Was für ein Potential! Die Antwort als frei denkender Erwachsener wäre vielleicht: "Toll! Wenn das Wetter so bleibt, könnte man heute Abend noch am See einen schönen Sonnenuntergang anschauen." (Für größere Abenteurer: Auf einem Berggipfel ;o) )

 

C Sich selbst und anderen Druckmachende kann die Gelassenheit in Person stehen. Wahrscheinlich wurden Sätze wie "Zeit ist Geld." "Jetzt mach mal!!" "Wenn Du..., dann..." zu sehr verinnerlicht, so dass man Angst vor den Folgen der Gelassenheit bekam. Das heißt, dahinter verbirgt sich Leichtigkeit, Flexibilität und ein Vertrauen, dass die Dinge zur richtigen passieren. Sehr entspannend! Da würde ich vielleicht antworten: "Gut, dass du mich drauf aufmerksam machst. Da werde ich doch mittags eine längere Pause machen und mich auf einen Kaffee in die Sonne setzen."

 

D Dem Hüter der Regeln (auch Erbsenzähler genannt) wurden irgendwann mal statt Kreativität und Anderssein Regeln und Angepasstheit unmissverständlich empfohlen. "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr." "Mit dem Essen spielt man nicht." "Wenn das jeder täte..." Statt der Intuition zu vertrauen, sein Leben in die Hand zu nehmen ohne andere zu schädigen, regelt ein starres Verhaltensgerüst verbunden mit der Erwartung andere das Leben. Hier gehört die Phantasie, die Leidenschaft, das kreative Chaos zum Leben erweckt und dann könnte eine Antwort so lauten: "Was könnten wir mit so einem schönen Tag anfangen? Lass uns was überlegen und dann tun!"

 

E Der Übermotivierte hört sich immer so toll an, dass der Mindfuck manchmal schwer zu entlarven ist. Hier wollte jemand entweder nicht erwachsen werden, oder, was meistens der Fall ist, hier will jemand die Stimmung heben, damit es "allen gut geht". Gleichzeitig unterliegt der Übermotivierte den Gefühlsschwankungen, denn nicht immer ziehen alle mit oder lassen sich rausziehen aus ihrem Loch, gepaart mit Erschöpfungsphasen (wie die aufgedrehten Kinder, die irgendwann unter dem Tisch einschlafen). Natürlich ist hier ein gefühlsintensiver Mensch, der lernen kann, mit seinen Energien zu haushalten und einsieht, dass nicht alle jederzeit das Tempo mithalten, sich aber immer wieder gerne mitreißen lassen. Antwort als Erwachsener: "Ja, so ein schöner Tag! Sag mal, hättest Du Lust mit mir ein paar Leute anzurufen und vielleicht baden zu gehen oder zu grillen?"

 

F Der Selbstverleugner stellt seine Interessen immer hinten an, passt seine Gewohnheiten an, nimmt sich "gerne" zurück und achtet darauf, dass es allen anderen möglichst gut geht. Was ist hier passiert? "Einer muss das eben machen." "Sonst tut's ja keiner." "Ich mach das schon." Harmonie und Frieden, damit keine Konflikte entstehen, mit denen man nicht umgehen will. Deswegen werden Originalität und  Sich-selbst-ausleben unterdrückt, um das Konfliktpotential zu minimieren. Hier gibt es möglicherweise eine Fülle an individuellen Bedürfnissen, Interessen, die das eigene Leben und das anderer bereichern können. Und so könnte eine erwachsene Antwort lauten: "Ich würde gerne die Sonnenstunden ausnutzen, das Vorbereiten für den Schulausflug kann ich am Abend machen, und ich frage Peter, ob er nicht auch mal eine Pause braucht, ansonsten gehe alleine eine Runde schwimmen."

 

G Der Misstrauische war sicher mal ein großer Vertrauender. "Glaub dies nicht, die wollen dich alle nur über den Tisch ziehen." "Trau keinem xy (Berufe, Ethnien etc.)." "Das klappt eh nicht." Die Entmutigung, oft gepaart mit Bewertung und Verallgemeinerung von negativen Erfahrungen, fand sooft statt, dass sie verinnerlicht wurde. Innen drin warten Selbstvertrauen, Vertrauen ins Leben und Offenheit für Begegnungen. Der vertrauende Erwachsene würde vielleicht sagen. "Ja, ein wunderschöner Tag, die folgenden werden bestimmt auch gut. Wollen wir was unternehmen?"

 

Ich finde diese Art, sich selbst zu reflektieren einfach und bereichernd. Es ist ein Werkzeug, das man immer wieder einsetzen kann, wenn man das Gefühl hat, man dreht sich im Kreis, ist unzufrieden oder wenn man mit der Welt um sich herum hadert. Auf ins Erwachsenwerden!

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