Über die Zufriedenheit

Das neue Jahr hat angefangen, man hat sich gegenseitig Glück und Gesundheit und - Zufriedenheit gewünscht. Und ich stelle die These auf: Entweder man ist zufrieden oder man ist es nicht. Schon mit der Steigerungsform habe ich Mühe, denn gibt es ein "zufriedener" - und wann ist man am "zufriedensten"? Jeder hat seine eigene Messlatte, seinen persönlichen Bewertungsmaßstab, wann er zufrieden ist und wann sich das wohlige Gefühl gleich einer maßvollen Sattheit einstellt. Für mich hat Zufriedenheit auch viel mit Hunger zu tun. Hunger ist ein existentielles Bedürfnis, das der Mensch zu befriedigen anstrebt, um sich wohl zu fühlen. Und je nach Körper- und Magengröße braucht der ein oder andere schon mal mehr zu essen. Wenn er voll ist, sollte er voll sein. Aber auch wenn augenscheinlich für den äußeren Betrachter alles gut (und die Portion ausreichend) zu sein scheint, kommt ein Bedürfnis, eine inneren Stimme nach "Mehr", "Anders", "So-wie-ich-es-gerade-will" daher. Ich finde das sehr spannend. 

Niemand denkt uns, niemand bewertet die Portion für uns. Wir produzieren unsere unsere eigenen Gedanken, wir schaufeln sie hin, wir schaufeln sie her, wir setzen unsere eigenen Bewertungsmaßstäbe an, wir stellen unsere eigenen Regeln auf, wir alleine können bestimmen, ob wir mit einer Situation oder dem Leben zufrieden sind oder nicht. Wir alleine könnten entscheiden, selbst wenn ein anderer die Portion bewertet, dass uns diese Bewertung nicht interessiert. Was passiert mit uns, wenn wir hungrig zu sein meinen? Wenn wir meinen, etwas sollte anders, besser sein?

 

Natürlich hätte sich das Rad nicht erfunden, wenn der Mensch nicht unzufrieden gewesen wäre. Oder? Klar kann Unzufriedenheit etwas ändern. Aber meines Erachtens ist bei großer Unzufriedenheit immer zu prüfen, ob man nicht beim Versuch etwas zu ändern über das maßvolle Ziel hinausschießt. Ein maßvolles Ziel würde meines Erachtens schon im Vorfeld zur Zufriedenheit führen. Ein maßvolles Ziel motiviert tätig zu werden, und alleine durch Tätigkeit kann schon wieder Zufriedenheit erlangt werden. In der Psychologie nennt man das Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit ist die Bewusstheit über die Wirksamkeit des eigenen Handelns und des persönlichen Handlungsspielraums. Es gibt diesen netten Spruch, der immer wieder als Gebet, Wunsch oder anderes auftaucht, der besagt, man solle bewusst unterscheiden, ob es sich um etwas handelt, das man ändern kann, oder ob es sich um etwas Unabänderliches handelt. Der Spruch endet immer mit dem Wunsch nach der Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können. Sie wir uns stets über den realistischen Handlungsspielraum bewusst? Und wenn ja, können wir ihn akzeptieren, d.h. auch das Unabänderliche gelassen nehmen?

 

Ich meine, dass Unzufriedenheit auf zwei Wegen entsteht: Entweder ein Mensch bekommt aus seiner Sicht nie genug (Maßlosigkeit) oder der Handlungsspielraum wird über- oder unterschätzt. Letzteres führt in der Regel zu Passivität und damit zum Nicht-Handeln, zum Selbstmitleid, zur Abwertung von sich selbst und/oder der Umwelt, zur Flucht in andere Welten, zu Angstgefühlen oder zum Schönreden. Ich persönlich bin der Meinung, dass Maßlosigkeit eine Kompensation eines nicht genutzten Handlungsspielraums ist, denn sie ist für mich etwas Passives. Natürlich, Konsumieren scheint ein aktiver Akt zu sein, aber beim Konsumieren wird nichts geschaffen, außer ein wachsender Bauch, ein voller Kleiderschrank, ein volles Bankkonto etc. Und natürlich geben Fettreserven, täglich wechselnde Outfits über Wochen oder eine Geldreserve Sicherheit. Aber was ist mit dem Maß? Aktiv zu handeln heißt für mich, sowohl bewusst "ja" als auch bewusst "nein" sagen und das Handeln in Bezug auf mein eigenes Leben und meine Umwelt reflektieren zu können, wann ein "gesundes" Maß erreicht ist.

 

Die größten Saboteure des aktiven Handelns sind unsere Gedanken, Bewertungen, Katastrophen-Szenarien, Verleugnungen unserer Rechte, misstrauischen Zweifel, alten Regeln, inneren und äußeren Druckmacher und Neigung, Dinge schön zu reden. Ich denke, man sollte immer kritisch mit den eigenen Gedanken und der Bewertung des Grads der Zufriedenheit gegenüberstehen. "Glaube nicht alles, was Du denkst!", das habe mir nach der Lektüre  des Buchs "Wissen Sie, was Ihr Gehirn denkt?" (Fine, Cordelina 2007, Elsevier Vlg.) vorgenommen.

 

 

Für 2017 wünsche ich allen, sich ihres Handlungs- und Ohnmachts-Spielraums bewusst zu werden, und ich wünsche allen, ersteren zu nutzen und mit dem anderen liebevoll umzugehen. Ich wünsche allen, dass sie sich Ziele suchen, die so realistisch und klein genug sind, dass sie motivieren, ins aktive Handeln zu kommen. Und je aktiver das eigene Handeln, desto größer wird der Handlungsspielraum und desto kleiner und unbedeutender der der Ohnmacht, und umso mehr wächst die persönliche Zufriedenheit. Auf in ein aktives und zufriedenes 2017!

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