Über die Schwierigkeit, den ersten Beruf zu wählen

Seit fünf Jahren leite ich ein Projekt zur Berufsorientierung für Mittelschüler. Die Jugendlichen sind in der 7. oder 8. Klasse, wenn sie mit dem Projekt - und dem Thema - in Berührung kommen. Sie sind also im Alter von 13 - 14 Jahren, und, der Regel zur früheren Einschulung sei Dank, manchmal auch erst 12. Aber auch in der Realschule ist man nicht viel älter 15, wenn die Berufswahl-Entscheidung fallen soll - schließlich sollte man sich ein Jahr im Voraus bewerben. Immer wieder gerate ich im Freundes- und Bekanntenkreis in Diskussionen um die "Ausbildungsreife" und es fallen Aussagen wie "wenn die nicht wollen" und "null Bock Generation" oder auch "selber schuld", wenn sie keinen Ausbildungsplatz finden, die Berufswahl nicht treffen können etc. 

 

Wie sehen Sie das? Wie siehst Du das?

 

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich die Verantwortlichkeiten und Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche verschoben haben. Zweijährige sind heute schon verantwortlich, ob sie den Mantel anziehen oder die Arztpraxis nach der Behandlung verlassen:

"Willst du den Mantel jetzt anziehen?" "Magst du jetzt gehen?". Gleichzeitig werden sämtliche Schutzmaßnahmen getroffen, damit sie auf Klettergerüste steigen können, für die sie noch zu jung seitens der Gefahreneinschätzung sind. Ich denke, jeder kann hier mit Beispielen aufwarten. Was ich sagen will: Muten wir Kindern nicht zu viel Verantwortung zu, auch für Entscheidungen, die sie noch nicht treffen können? Und beschützen wir sie nicht zu sehr, um selbst kein "nein, das darfst du noch nicht" auszusprechen? Aus meiner Sicht entziehen wir Erwachsenen uns damit unserer Verantwortung, wenn wir alles den Kindern überlassen, um ihnen größtmögliche Freiheit zu bieten. Eines meines Lieblingsbücher zur Kindererziehung war und ist "Freiheit und Grenzen - Liebe und Respekt". Es ging im Wesentlichen darum, dass die Freiheit parallel mit der Verantwortlichkeit wächst, wenn man seine Grenzen gemäß seiner persönlichen Entwicklung kennt,  sie einschätzen kann und sie altersgemäß erweitert werden. Daraus wächst Selbstvertrauen und ein gesundes Risikomanagement. Wichtige Eigenschaften für das Erwachsensein. Im Alter von 14 oder 15 ist man noch nicht erwachsen, die Gesellschaft zeigt dies auch in Form von Beschränkungen im Suchtmittelkonsum, Ausgehzeiten, Mitspracherecht bei Wahlen u.a.. Dennoch wird die komplette Verantwortlichkeit, was die Berufswahl anbelangt, in die Hände der meisten Jugendlichen gelegt. Hand aufs Herz: Wer wusste - außer weniger Ausnahmen - mit 13, was er wirklich werden will?

 

Ich stelle provokativ in den Raum: "Was willst du werden?" ist für einen 15-Jährigen eine ähnliche Frage wie für einen Zweijährigen "Welche Schuhe willst du anziehen?" Er ist mit der Antwort überfordert. Sowohl mit den Möglichkeiten als auch mit der Tragweite der Entscheidung und noch viel mehr damit, dass es keine Konsequenzen hat, wenn er sich nicht entscheidet. "Lass dir Zeit." "Du schaffst das schon." "Mach etwas, das dir Spaß macht."

 

Jeder Erwachsene sollte sich die Frage stellen, ob das für ihn die zielführende Hilfestellung in den Beruf gewesen wäre, wenn er gar nicht gewusst hätte, was er machen soll. Ich kenne ausschließlich beruflich erfolgreiche Erwachsene, die entweder

  • tatsächlich schon als Jugendliche zielstrebig auf einen Beruf fixiert waren oder
  • seitens der Eltern eine klare Richtlinie hatten, was zu tun ist.

Zu diesen Dingen, die zu tun waren, gehörte es,

  • sich nach der Schule um einen Broterwerb zu kümmern,
  • eine Ausbildung (oder ein Studium) abzuschließen,
  • wenn man selbst keine Ahnung hatte, den Rat der Eltern einzuholen oder gemeinsam zu überlegen, wo und welche Ausbildung man machen könnte,
  • sich auseinander zu setzen, wenn die Eltern das Gefühl hatten, hier möchte jemand seinen Beitrag nicht leisten.

Ich will damit nicht sagen, dass man total direktiv sein oder seine eigenen negativen Erfahrungen mit zu direktiven Eltern wiederholen soll. Aber heute entziehen sich aus meiner Sicht einige Eltern der Verantwortung, Jugendlichen den Weg in eine Beschäftigungsaufnahme zu weisen, stattdessen möchten sie ihrem Kind alles ermöglichen, was es will, und - wenn es das noch nicht weiß - alles ermöglichen, um herauszufinden, was es will. Ist das aber nicht ein lebenslanger Prozess? Ganz ehrlich: Ich finde, dafür ist jeder später, wenn es erwachsen ist, selbst verantwortlich.

 

Also schlage ich vor, wieder die Verantwortung zu übernehmen, DASS das Kind durch die Ausbildungszeit in einem Beruf - welchem auch immer - erwachsener werden und reifen kann. Durch diesen Prozess begleiten es die Eltern durch Höhen und Tiefen, und dann können sie mit gutem Gewissen loslassen, weil der Sprössling jetzt auf eigenen Füßen stehen und weiter ins erwachsene Leben ziehen kann. Und das wollen wir doch alle, oder?