Liebe und Angst

Es gibt aus meiner Sicht und Erfahrung nur zwei Handlungsmotive: Liebe oder Angst. Wer das sagt? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr genau, ich meine es vor vielen Jahren das erste Mal in Gerd Jampolskys „Lieben heißt die Angst verlieren“ gelesen zu haben. Wenn ich das in einer Diskussion beitrage, ernte ich meist Gegenwehr: Ich würde die z.B. Wut und alle möglichen Gefühle, aus denen heraus man operiert, wie Schmerz und anderes ausklammern. Diese Motivationen möchte ich nicht in Abrede stellen, aber meiner Meinung - und Erfahrung - nach ist das Grundgefühl, das allen als negativ wahrgenommenen Gefühlen zugrunde liegt, die Angst. Selbst die als so „stark“ und „selbstbewusste“ Emotion wahrgenommene Wut entspringt der Angst. Wut entsteht aus Ohnmacht (nicht aus Macht!), dass etwas ohne meinen Einfluss seinen Gang genommen hat, und ich habe Angst, dass es sich in eine Richtung entwickelt, die ich nicht will. Wut hat auch etwas mit Schmerz zu tun, die Dinge nicht nehmen zu können, wie sie sind. Wut kann natürlich nützlich sein, kann helfen, Berge zu versetzen, kann helfen, von der Ohnmacht in die Macht zu kommen. Wut kann aber z.B. auch sehr leicht blind machen - und dann bleibe ich in der Angst. Denn nicht Liebe macht blind, sondern Angst. 

Das lässt sich mit allen möglichen negativen Emotionen durchdeklinieren, und man kommt immer auf die dahinter liegende Angst: Angst etwas nicht zu bekommen, das man haben will (Neid, Eifersucht), Angst einem würde etwas vorenthalten, man käme schlechter weg (Misstrauen), Angst vor Liebesentzug und vor dem Verlassenwerden, Angst, etwas passiert mit einem, das man nicht will (Ohnmacht). Aber wie ist das mit der Ungerechtigkeit, der Unmenschlichkeit und Grausamkeit in der Welt? Muss man da nicht nicht wütend werden? Ja, natürlich muss man das! Aber es gibt die Möglichkeit, nicht blindwütig zu werden, sondern ich plädiere dafür, man sollte sich empören. Empörung ist ein Gefühl, das m.E. nicht dem Ego entspringt, weil man selbst etwas nicht will, sondern Empörung hat das Ganze im Blick. Empörung sucht Verbündete, die aus Liebe zum großen Ganzen ihren Ärger kundtun und auf der Suche nach einer Lösung sind, die Dinge friedlich zu verändern. Empörung zieht seine Grundlage aus der Moral und der Ethik, nicht aus Egoismus oder persönlichen Befindlichkeiten.

 

Zurück zu den persönlichen Befindlichkeiten, denn damit hat man mit sich selbst oft genug zu tun: Liebe und Angst steuern also die Handlungen? Meines Erachtens: ja! Liebe ist nachsichtig mit menschlichen Schwächen, Angst urteilt. Liebe lässt einen sich öffnen, Angst verschließt einen. Interessanterweise haben Leute oft mehr Angst, die mehr (Geld, Besitztümer...) zu verlieren haben, als diejenigen, die wenig zu verlieren haben. Seltsam, oder? Wenn ich viel zu verlieren habe, könnte es mir egal sein, das ein oder andere zu verlieren. Wenn ich wenig habe, könnte ich mich gefordert fühlen, darauf aufzupassen und das Wenige zu hüten. Bei letzterer Betrachtung kommt einem jetzt vielleicht in den Sinn: Aber Angst ist doch normal und wichtig, Angst schützt vor Verlust, Angst schützt vor Gefahren, die Geschichte mit dem Säbelzahntiger und so? 

 

An dieser Stelle macht es Sinn, den Begriff „Furcht“ zu einzuführen. Dabei ist meine persönliche Assoziation sofort der Titel des Märchens „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Wer kennt die Geschichte? Die Moral der Geschichte ist, dass man sich vor allem vor sich selbst in Acht nehmen soll. Schlägt man „Furcht“ im Duden nach, erfährt man, dass in der Psychologie und Philosophie der Begriff „Furcht“ die objektbezogene Angst ist und „Angst“ die nicht objektbezogene, also auch als „irrational“ eingestufte Angst. Ich finde, das ich eine hilfreiche Art, über seine Ängste nachzudenken. Was ist tatsächlich notwendig, um mich zu schützen (Säbelzahntiger oder auf mich zu rollender Bus), oder mit was stehe ich mir selbst und meiner Zufriedenheit im Weg (Angst vor Kollegen oder Nachbarn; Angst, die Dinge könnten anders laufen als ich will; Angst, unerwünscht zu sein etc.). Mit anderen Worten: Liebe heißt Vertrauen zu haben, dass sich die Menschen und Dinge gut im Sinn von „für alle gut“ entwickeln. Tun sie das nicht und viele andere außer mir sind betroffen, dann suche ich mir Gleichgesinnte und empöre mich gemeinsam mit aller Kraft der Liebe. Geht es aber nur um meine eigenen - vielleicht etwas egoistischen?- Ziele, dass die Dinge sich für MICH alleine zum Besten entwickeln sollen, könnte ich mich fragen, ob eine rationale Furcht dahinter steht oder welche Angst dem zugrunde liegt und woher sie kommt.

 

Übrigens sind unsere Mindfucks ein hervorragender Zeiger unserer Ängste, denn ohne Angst kein Mindfuck - einfach mal nachschauen! 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0